Vom Feature-Friedhof zum fokussierten Portfolio im Mittelstand
Viele Mittelständler haben agile Teams, volle Roadmaps und trotzdem wenig spürbare Wirkung beim Kunden. Der Engpass liegt oft nicht in den Teams, sondern im überladenen Portfolio.
Die typische Szene im Mittelstand
Fünf Scrum-Teams, volle Roadmap, vollmundige Versprechen im Vertrieb – und trotzdem fragt sich die Geschäftsführung: „Warum sehen wir beim Kunden so wenig davon?“
Im Alltag sieht es oft so aus:
- Jedes Team jongliert parallel an mehreren Produkten oder Projekten.
- Auf der Roadmap stehen gefühlt 50 Themen – alle sind „wichtig“.
- Vertrieb verkauft Features, die noch nicht existieren.
- Fachbereiche bringen dringende Sonderwünsche rein, „weil der Kunde sonst abspringt“.
Am Ende wächst eine lange Liste angefangener Features, Varianten und Sonderfälle – aber beim Kunden kommen kaum runde, wirklich nutzbare Ergebnisse an. Ein klassischer Feature-Friedhof entsteht.
Aus meiner Sicht liegt die Ursache selten im „agilen Reifegrad“ der Teams. Das eigentliche Problem ist fast immer: ein überladenes, lokal optimiertes Portfolio.
Lokale Optimierung vs. Wertstrom-Fokus
Viele mittelständische Unternehmen optimieren fleißig – aber an den falschen Stellen.
Was lokale Optimierung bedeutet
Lokale Optimierung heißt: Jeder Bereich versucht für sich, möglichst viel aus seiner Kapazität herauszuholen.
- Die IT misst sich an Durchsatz von Tickets.
- Fachbereiche freuen sich über „abgearbeitete Anforderungen“.
- Vertrieb wird an abgeschlossenen Deals gemessen – egal, ob die Features realistisch lieferbar sind.
Auf dem Papier wirkt das effizient. In der Wertschöpfungskette passiert aber etwas anderes: Übergaben, Wartezeiten und Prioritätswechsel fressen den vermeintlichen Effizienzgewinn wieder auf.
Was ein Wertstrom-Fokus verändert
Wertstrom-Fokus bedeutet: Sie richten Entscheidungen daran aus, wie schnell und verlässlich ein konkreter Kundennutzen vom ersten Impuls bis zur Auslieferung entsteht – nicht daran, wie voll die Auslastungsdiagramme sind.
Praktisch heißt das aus meiner Sicht:
- Sie betrachten Initiativen entlang des gesamten Flusses: Idee → Auswahl → Umsetzung → Rollout → Wirkung.
- Sie begrenzen aktiv, wieviel parallel bearbeitet wird (auf Unternehmens- und Teamebene).
- Sie entscheiden bewusst, was Sie nicht tun – und beenden laufende Themen, wenn sie keinen Wert mehr haben.
Das klingt banal. Im Alltag ist es eine der schwierigsten Führungsaufgaben überhaupt.
Typische Symptome: Erkennen Sie Ihren Alltag?
Wenn Sie beim Lesen innerlich nicken, sind Sie wahrscheinlich schon mittendrin. Eine kurze Checkliste typischer Symptome aus meiner Beratungspraxis (als Einschätzung, nicht als wissenschaftliche Studie):
-
Feature-Friedhof
- Viele halbfertige Features, wenige komplett durchgezogene Auslieferungen.
- Changelogs und Release Notes sind dünn, obwohl Ihre Teams „ständig beschäftigt“ sind.
-
Dauer-Überlastung der Teams
- Ständige Umpriorisierungen („Das muss diese Woche noch dazwischen“).
- Kaum Puffer für technische Schulden oder Qualitätsverbesserungen.
- Mitarbeiter klagen über Kontextwechsel und das Gefühl, „nichts richtig fertig zu bekommen“.
-
Widersprüchliche Bereichsziele
- Vertrieb jagt Umsatz mit Sonderlösungen.
- Produktmanagement versucht, die Plattform zu stabilisieren.
- IT kämpft darum, überhaupt hinterherzukommen.
- Jeder hat gute Gründe – aber in Summe entsteht Chaos.
-
HIPPO-Entscheidungen (Highest Paid Person’s Opinion)
- Große Initiativen starten, weil eine wichtige Person es so will – nicht, weil es im Gesamtbild Sinn ergibt.
- Entscheidungen werden im Einzelfall getroffen, statt im Kontext des ganzen Portfolios.
-
Keine Transparenz über laufende Arbeit
- Niemand kann auf einer Seite zeigen, woran das Unternehmen aktuell arbeitet.
- Die Frage „Worauf konzentrieren wir uns dieses Quartal?“ führt zu langen Diskussionen.
Wenn Sie 3 oder mehr dieser Punkte wiedererkennen, lohnt sich ein Blick auf Ihr Portfoliomanagement – unabhängig davon, wie „agil“ Ihre Teams arbeiten.
Ein pragmatisches Portfolio-Setup – ohne Rahmenwerk-Zirkus
Sie brauchen dafür kein großes Transformationsprogramm und kein schwergewichtiges Rahmenwerk. Aus meiner Erfahrung reichen für den Einstieg drei einfache Bausteine:
1. Ein sichtbares Portfolio-Board
Ziel ist eine einzige, gemeinsame Sicht auf alle wesentlichen Initiativen.
Pragmatischer Start:
- Spalten z.B.: „Ideen“, „Geplant“, „In Arbeit“, „Im Rollout“, „Fertig“.
- Jede Initiative bekommt eine Karte: Titel, grober Nutzen, betroffene Wertströme/Produkte, Hauptverantwortliche.
- Alle laufenden Themen werden zunächst gesammelt und einsortiert – oft ein schmerzhafter, aber erhellender Schritt.
Wichtig: Das Board zeigt Initiativen, nicht jede User Story. Es ist ein Führungs- und Steuerungsinstrument, kein Task-Board.
2. WIP-Limits (Begrenzung paralleler Arbeit)
Der Hebel, der am meisten bewirkt, ist oft der unpopulärste: Weniger gleichzeitig starten.
Vorgehen für den Anfang:
- Legen Sie für jede Spalte „Geplant“ und „In Arbeit“ eine Obergrenze an Initiativen fest.
- Alles, was darüber hinausgeht, wandert in „Wartend“ oder bleibt in „Ideen“.
- Neue Themen werden nur begonnen, wenn ein anderes tatsächlich abgeschlossen wurde.
Das erzeugt unangenehme Gespräche – und genau die brauchen Sie: Es zwingt zur Priorisierung.
3. Eine regelmäßige Portfolio-Runde
Statt ständigem Ad-hoc-Druck etablieren Sie einen festen Takt, z.B. monatlich:
- Teilnehmer: Geschäftsführung bzw. Inhaber, Vertrieb, Produkt/Business, IT/Entwicklung.
- Agenda (Vorschlag):
- Blick auf das Board: Was ist fertig geworden? Welche Wirkung sehen wir?
- Engpässe: Wo staut es sich? Was blockiert?
- Entscheidungen: Was stoppen wir? Was verschieben wir? Was ziehen wir vor?
Wichtig ist die Haltung: Es geht nicht darum, möglichst viele Wünsche unterzubringen, sondern den Wertstrom zu entlasten.
Kurzfall aus der Praxis (vereinfacht)
Ein Beispiel, wie so etwas im Mittelstand aussehen kann – bewusst anonymisiert und vereinfacht:
- Ausgangslage: Rund 25 aktive Initiativen über mehrere Produkte hinweg, fünf Entwicklungsteams, hohe Unzufriedenheit in Vertrieb und IT.
- Schritt 1: Sichtbarkeit schaffen – alle Initiativen auf ein gemeinsames Portfolio-Board.
- Schritt 2: Hartes Limit: maximal 10 Initiativen gleichzeitig „In Arbeit“.
- Schritt 3: Monatliche Portfolio-Runde mit der Geschäftsführung und den Leitern von Vertrieb, Produkt und IT.
Die ersten Sitzungen waren zäh. Niemand wollte „sein“ Thema nach hinten schieben. Nach einigen Monaten zeigte sich jedoch ein Muster (meine persönliche Beobachtung):
- Initiativen kamen deutlich schneller durch.
- Vertrieb konnte verlässlicher zusagen, wann etwas ungefähr nutzbar ist.
- Teams berichteten, dass sie wieder „Dinge wirklich fertig bekommen“.
Entscheidend war nicht das Board an sich, sondern die Bereitschaft der Führung, Dinge wirklich zu stoppen und Nein zu sagen.
Ihre ersten Schritte in den nächsten 4 Wochen
Sie müssen nicht alles auf einmal umkrempeln. Ein realistischer Start könnte so aussehen:
Woche 1: Bestandsaufnahme
- Listen Sie alle aktuell laufenden Projekte/Initiativen mit Budget oder relevanter Teambindung auf.
- Gruppieren Sie grob nach Produkt/Wertstrom oder Kundensegment.
- Hängen Sie alles sichtbar an eine Wand oder in ein einfaches digitales Board.
Ziel: Alle sehen zum ersten Mal das gesamte Bild.
Woche 2: Gemeinsames Portfolio-Board etablieren
- Definieren Sie 4–5 einfache Status-Spalten.
- Überführen Sie alle Initiativen sauber auf das Board.
- Markieren Sie, welche Teams oder Bereiche jeweils betroffen sind.
Ziel: Eine geteilte Wahrheit über den Zustand des Portfolios.
Woche 3: WIP-Limits und erste Entscheidungen
- Legen Sie für „Geplant“ und „In Arbeit“ jeweils ein Limit fest, das merklich unter der aktuellen Zahl liegt.
- Führen Sie eine erste Portfolio-Runde durch und treffen Sie bewusst Stop- und Verschiebe-Entscheidungen.
- Kommunizieren Sie klar an die Teams, welche 1–3 Themen jetzt wirklich Priorität haben.
Ziel: Weniger parallele Arbeit, erste spürbare Entlastung.
Woche 4: Lernschleife und Feinschliff
- Sammeln Sie Rückmeldungen aus den Teams: Was hat geholfen, was ist hinderlich?
- Passen Sie die Spalten, WIP-Limits und Teilnehmer der Portfolio-Runde an.
- Vereinbaren Sie einen festen Rhythmus (z.B. monatlich), in dem das Portfolio überprüft und neu fokussiert wird.
Ziel: Aus einem einmaligen Aktionstag wird ein stabiler Führungsprozess.
Ein kompaktes Portfolio-Health-Check-Angebot
Wenn Sie feststellen, dass Sie in vielen der beschriebenen Muster stecken, kann ein kompakter Portfolio-Health-Check sinnvoll sein. Typischer Umfang (aus meiner Sicht):
- 1–2 Workshops mit Geschäftsführung und Schlüsselrollen.
- Analyse der aktuellen Portfolio-Landschaft und Engpässe.
- Gemeinsames Design eines schlanken Portfolio-Boards und einfacher Entscheidungsregeln.
- Begleitung der ersten ein bis zwei Portfolio-Runden.
Wichtig: Es geht nicht darum, ein „Framework“ einzuführen, sondern Ihre bestehende Organisation fokussierter und ehrlicher auszurichten.
Fazit: Weniger Projekte, mehr Wirkung
Agile Teams allein lösen kein Überlastungsproblem. Solange Ihr Portfolio überfüllt ist, produzieren Sie vor allem angefangene Arbeit und Frust.
Wenn Sie dagegen Wertströme in den Mittelpunkt stellen, Transparenz über alle Initiativen schaffen und die parallele Arbeit konsequent begrenzen, passiert etwas Bemerkenswertes: Die gleiche Organisation, mit den gleichen Menschen, liefert plötzlich sichtbar mehr Wert – einfach, weil sie weniger Dinge gleichzeitig versucht.
Der Weg dorthin ist unbequem, weil er Entscheidungen verlangt. Aber genau deshalb ist er im Mittelstand ein echter Wettbewerbsvorteil.
Quellen
- https://blog.mayflower.de/8938-lean-portfolio-management.html
- https://www.atlassian.com/de/agile/agile-at-scale/lean-portfolio-management
- https://blog.planview.com/de/lean-portfolio-management-operations-an-agile-approach/
- https://blog.planview.com/de/lean-portfolio-management-frequently-asked-questions/
- https://www.projektmagazin.de/artikel/3-erfolgsfaktoren-fuer-agiles-portfoliomanagement_1126086
- https://www.cetpm.de/shop/buecher/agile-prozesse-mit-wertstrom-management-ein-handbuch-fuer-praktiker-bestaende-abbauen-durchlaufzeiten-senken-flexibler-reagieren/
- https://wertstroem.de/whitepaper-agile-organisation-im-mittelstand/
- https://www.planview.com/de/resources/guide/ppm-solution-guide-beginners/project-portfolio-management-capabilities/
- https://www.planview.com/de/products-solutions/solutions/enterprise-agile-planning/lean-portfolio-management/
- https://www.borisgloger.com/blog/erfolgreich-durch-agile-portfolioplanung
Möchten Sie das für Ihr Versicherungsunternehmen konkret durchspielen?
Mehr Kontext zu unserer Arbeit mit Versicherern finden Sie auf unserer Übersichtsseite Agile Coaching für Versicherer.
Erstgespräch vereinbaren