Von lokaler Optimierung zu echter Wirkung: Wie der Mittelstand aus dem „Schneller, schneller"-Modus ausbricht
Viele mittelständische Unternehmen arbeiten agiler denn je – und merken trotzdem zu wenig davon im Ergebnis. Warum „schneller liefern" allein nicht reicht und welche Hebel auf Führungs- und Portfolioebene wirklich wirken.
Ein typischer Alltag im deutschen Mittelstand
Stellen Sie sich folgende Szene vor (aus meiner Beratungspraxis, bewusst anonymisiert):
- Die Entwicklung arbeitet inzwischen mit Scrum.
- Tickets werden sichtbar schneller abgearbeitet.
- Es gibt Dailys, Reviews, vielleicht sogar OKRs.
Und trotzdem hören Sie in der Geschäftsführung immer wieder Sätze wie:
- „Wir sind fleißiger denn je, aber am Umsatz merkt man es nicht.“
- „Die IT ist voll, trotzdem warten wichtige Themen ewig.“
- „Alle reden von Agilität, aber mein Kalender ist voller als früher.“
Aus meiner Sicht ist das kein Ausnahmefall, sondern ein typisches Muster: Die Teams haben lokal optimiert – aber das Gesamtsystem Unternehmen wurde nicht mitgedacht.
In diesem Artikel beschreibe ich (als persönliche Einschätzung und Erfahrung), warum „schneller entwickeln“ allein nicht reicht – und welche einfachen, pragmatischen Hebel Sie als Führungskraft im Mittelstand haben, um von mehr Output zu mehr Wirkung zu kommen.
Was lokale Optimierung im Mittelstand bedeutet
Einschätzung: Lokale Optimierung heißt, dass ein Teil des Systems immer besser wird – aber der Gesamtnutzen für das Unternehmen nicht mitwächst.
Typische Beispiele, die ich in mittelständischen Unternehmen sehe:
-
Teams liefern mehr Features, aber:
- Kunden nutzen nur einen Bruchteil davon.
- Vertrieb kann die Neuerungen kaum erklären.
- Service hat keine Zeit, sich einzuarbeiten.
-
Jeder Bereich arbeitet seine „Top-Prioritäten“ ab, aber:
- Vertrieb, Produkt, IT und Fachbereiche haben unterschiedliche Prioritäten.
- Konflikte werden nach Lautstärke oder Hierarchie entschieden – nicht nach Wirkung.
-
Projekte starten leicht, enden schwer:
- Neue Initiativen werden schnell gestartet („Das machen wir auch noch“).
- Kaum jemand traut sich, Altes konsequent zu beenden.
- Folge: Das Projekt-Portfolio quillt über, alle sind „am Limit“, aber es kommt wenig sichtbar an.
Wer hier nur an der Team-Ebene schraubt (noch mehr Trainings, noch ein Tool, noch ein Prozess), betreibt aus meiner Sicht reine Symptombehandlung.
Einen guten vertiefenden Blick auf das Thema „lokale Optimierung“ bietet zum Beispiel dieser Artikel (Quelle):
https://www.lean-agility.de/2018/04/lokale-optimierung.html
Featuritis, Sonderwünsche & Portfolio-Stau – wie sich das konkret zeigt
Nach meiner Erfahrung haben viele mittelständische Unternehmen ähnliche Symptome:
1. Featuritis: „Noch schnell was dazu“
- Key Account meldet Sonderwünsche, die sofort „wichtig“ sind.
- Vertrieb verspricht Funktionen „für den nächsten Release“.
- Produkt und Entwicklung hängen hinterher und bauen immer neue Varianten.
Folge (Einschätzung): Produkte werden komplex, Wartung wird teuer, aber der Kundennutzen steigt nur gering.
2. Sonderwünsche vs. Standard
Ein Kunde A bekommt Speziallogik, Kunde B noch eine Ausnahme, Kunde C „nur einmalig“ eine Zusatz-Schnittstelle.
Einschätzung: Die Marge dieser Projekte wird real oft aufgefressen durch die Komplexität, die im System bleibt – lange nachdem das Projekt abgeschlossen ist.
3. Regulatorik schlägt Geschäft – oder umgekehrt
Gerade in regulierten Branchen (z.B. Maschinenbau mit Sicherheitsnormen, Medizintechnik, Finanzdienstleistung) erlebe ich häufig:
- Compliance und Fachbereich ziehen in verschiedene Richtungen.
- Die Teams sitzen zwischen den Stühlen: „Ihr müsst schneller liefern UND alle Vorgaben erfüllen.“
Ohne klare Entscheidungen auf Führungsebene entsteht hier aus meiner Sicht Dauerstress statt Klarheit.
4. Portfolio-Stau: Zu viele Baustellen gleichzeitig
Wenn ich in Workshops frage „Wie viele Projekte laufen gerade parallel?“, kommt oft erstmal Schweigen. Dann:
- Eine Excel-Liste.
- Eine andere Excel-Liste.
- Ein paar „inoffizielle“ Initiativen.
Meine Einschätzung: Wenn niemand im Raum sicher sagen kann, wie viele Initiativen gerade wirklich laufen, ist das ein Warnsignal. Dann haben Sie kein gesteuertes Portfolio, sondern eine Ansammlung von Wünschen.
Systemische Ursachen: Kein Team-, sondern ein Führungs- und Portfoliothema
Wichtiger Punkt: Aus meiner Sicht liegt das Problem nicht bei „zu wenig agilen Teams“, sondern vor allem hier:
-
Unklare gemeinsame Ziele
- Jede Abteilung optimiert für sich.
- Es gibt keine wenigen, harten, unternehmensweiten Prioritäten.
-
HIPPO-Entscheidungen (Highest Paid Person’s Opinion)
- Wer die höchste Hierarchie hat oder am lautesten fordert, gewinnt.
- Die Frage „Was bringt den größten Beitrag zu unserem Ziel?“ wird zu selten gestellt.
-
Kein zentrales, transparentes Portfolio
- Niemand sieht auf einen Blick: Was machen wir wirklich gerade? Was kostet das an Kapazität?
- Damit fehlt die Basis, um bewusst zu stoppen oder zu verschieben.
-
Fehlende Entscheidungsrituale
- Projektstarts passieren ad hoc („Das müssen wir jetzt einfach machen“).
- Selten gibt es einen regelmäßigen, klar strukturierten Termin, in dem Vorhaben geprüft, sortiert und auch beendet werden.
Nach meiner Einschätzung ist das Kernproblem also:
Die Teams sollen liefern, aber die Führung steuert Wirkung nur indirekt – wenn überhaupt.
Konkrete Hebel: Von Output zu Wirkung
Im Folgenden ein Set an Hebeln, die sich in meiner Beratungspraxis im Mittelstand als pragmatisch und machbar erwiesen haben. Alle sind als Meinung und Empfehlung zu verstehen, nicht als allgemeingültige Wahrheit.
1. Ein einfaches Portfolio-Board für das ganze Unternehmen
Ziel: Jede größere Initiative ist sichtbar. Und zwar so, dass man es auf einer Wand oder einem Bildschirm gemeinsam verstehen kann.
Vorgehen (praxisnah):
-
Sammeln Sie alle laufenden und geplanten Vorhaben:
- Produktentwicklungen
- interne Projekte (ERP, CRM, Prozesse)
- Kundenprojekte mit wesentlichem Entwicklungsanteil
-
Erstellen Sie ein einfaches Board mit Spalten, zum Beispiel:
- „Idee / Anfrage“
- „Geplant“
- „In Arbeit“
- „Pausiert“
- „Abgeschlossen / Beendet“
-
Jede Initiative bekommt eine Karte mit:
- Name
- Verantwortliche Person (nicht „Komitee“)
- grobem Ziel/Nutzen in einem Satz
Wichtiger Hinweis: Es geht am Anfang nicht um Perfektion, sondern um Ehrlichkeit: Was machen wir wirklich alles?
Ein vertiefender Blick zur Frage, wie lokal optimierte Lösungen leicht „am Kunden vorbeigehen“ können, findet sich zum Beispiel hier (Quelle):
https://blog.it-agile.de/perfekt-optimiert-am-kunden-vorbei/
2. WIP-Limits: Weniger gleichzeitig, schneller fertig
WIP = Work in Progress, also „Angefangenes“.
Einschätzung: Die meisten Unternehmen haben nicht zu wenig Kapazität, sondern zu viele gleichzeitige Baustellen.
Ein praktikabler Schritt:
- Legen Sie für jede Spalte „In Arbeit“ ein Limit fest:
- z.B. „Max. 5 aktive Initiativen unternehmensweit“.
- Wenn das Limit erreicht ist, darf nichts Neues gestartet werden, bevor nicht etwas:
- fertiggestellt oder
- bewusst beendet/abgebrochen wurde.
Erfahrungsgemäß fühlt sich das zuerst hart an – vor allem für Führungskräfte, die gewohnt sind, vieles parallel anzustoßen. Die Wirkung ist aber meistens deutlich:
- Projekte ziehen durch, statt zu „köcheln“.
- Teams können fokussierter arbeiten.
- Sie sehen schneller, ob eine Initiative wirklich trägt.
3. Ein-Seiten-Steckbrief je Initiative
Bevor eine Initiative „in Arbeit“ geht, bekommt sie einen Steckbrief auf einer Seite. Das zwingt zu Klarheit.
Mögliche Felder (aus meiner Sicht bewährt):
-
Problem oder Chance in 2–3 Sätzen
Wen betrifft es? Was passiert, wenn wir nichts tun? -
Erwartete Wirkung
z.B. „Welche Kennzahl sollte sich verändern?“ oder „Was konkret soll für den Kunden besser werden?“ -
Nicht-Ziele
Was gehört ausdrücklich nicht dazu? (Hilft gegen „Kannst du noch schnell…?“) -
Rahmen & Grenzen
Budgetkorridor, Zeitkorridor, relevante regulatorische Vorgaben. -
Verantwortliche Person
Eine benannte Person, die den Hut aufhat – kein Gremium.
Solche Steckbriefe sind aus meiner Sicht ein einfacher, aber wirksamer Schutz vor „Wir fangen einfach mal an und schauen dann“.
4. Gemeinsamer Entscheidungsrhythmus
Statt ad hoc über Projekte zu entscheiden, richten Sie einen festen Entscheidungsrhythmus ein, z.B. monatlich oder alle sechs Wochen.
Teilnehmende (je nach Größe des Unternehmens):
- Geschäftsführung / Inhaber:in
- Bereichsleitung Vertrieb
- Bereichsleitung Produkt / Fachbereich
- IT / Entwicklung
- ggf. Compliance / Qualität, wenn stark betroffen
Ablauf-Vorschlag (aus meiner Erfahrung):
- Transparenz-Check
- Blick auf das Portfolio-Board: Was läuft? Wo gibt es Engpässe?
- Neue Initiativen prüfen
- Pro Initiative maximal 5–10 Minuten, basierend auf dem Ein-Seiten-Steckbrief.
- Gemeinsam priorisieren
- Nach klaren Kriterien (z.B. Beitrag zum Unternehmensziel, Risiko, Aufwand).
- Stoppen & Pausieren
- Mindestens eine Initiative bewusst pausieren oder beenden, wenn etwas Neues starten soll.
- Entscheidungen festhalten
- Klar dokumentieren: Was starten wir? Was stoppen wir? Wer ist verantwortlich?
Wichtig: Dieser Termin ist ein Führungstermin, nicht ein weiterer Reporting-Marathon für die Teams. Er dient der Entscheidungsqualität, nicht der PowerPoint-Produktion.
Rolle der Führung: Fokus, Rahmen und das Recht auf „Nein“
Aus meiner Sicht ist die wichtigste Veränderung auf Führungsebene:
-
Vom „Alles ist wichtig“ zum „Weniges ist wirklich wichtig“
- Wenige, klare Unternehmensziele.
- Bereitschaft, Dinge bewusst nicht zu tun.
-
Vom Delegieren von Problemen zum Schaffen von Klarheit
- Nicht: „Macht das mal agil.“
- Sondern: „Wir entscheiden uns für diese drei Initiativen – und lassen andere liegen.“
-
Vom Reagieren auf jede Nachfrage zum bewussten Schutz der Teams
- Nein sagen können zu:
- „Können wir das nicht schnell dazunehmen?“
- „Das ist nur ein kleines Feature.“
- Nein ist hier aus meiner Sicht nicht Verweigerung, sondern Schutz der Wirkung.
- Nein sagen können zu:
Typische Muster, die ich im Mittelstand erlebe – und wie man sie durchbricht (Einschätzung):
-
Muster: „Wir können dem Vertrieb nichts abschlagen.“
Gegenmaßnahme: Vertrieb aktiv in den Portfolio-Rhythmus einbinden und gemeinsam entscheiden lassen – statt jeden Wunsch direkt in die Entwicklung zu geben. -
Muster: „Wir wollen uns keine Optionen verbauen, also starten wir lieber mehr.“
Gegenmaßnahme: Klarmachen, dass zu viele parallele Vorhaben faktisch Optionen vernichten, weil nichts richtig fertig wird. -
Muster: „Ich möchte meine Leute nicht bremsen.“
Gegenmaßnahme: Verdeutlichen, dass echte Verantwortung bedeutet, Fokus zu ermöglichen, nicht maximale Auslastung.
Ein ergänzender Überblick zu Prinzipien von lean-agilen Unternehmen findet sich hier (Quelle):
https://www.agile-academy.com/de/skalierung/sieben-prinzipien-erfolgreicher-lean-agiler-unternehmen/
Ein ehrlicher Status-Check für Ihr Unternehmen
Zum Abschluss ein kleiner, bewusst einfacher Selbsttest. Beantworten Sie für Ihr Unternehmen (nur für sich) folgende Fragen mit Ja oder Nein:
- Wissen Sie, wie viele Initiativen/Projekte gerade gesamt laufen?
- Könnten Sie diese auf einer Flipchart übersichtlich darstellen?
- Gibt es ein bewusstes Limit, wie viele größere Vorhaben gleichzeitig gestartet werden?
- Wird bei neuen Themen sichtbar etwas anderes gestoppt oder pausiert?
- Haben alle größeren Vorhaben einen Ein-Seiten-Steckbrief mit Ziel, Nicht-Zielen und Verantwortlichem?
- Gibt es einen festen Entscheidungsrhythmus, in dem Vertrieb, Fachbereiche, IT und Geschäftsführung gemeinsam priorisieren?
- Haben Ihre Teams das Gefühl, dass sie eher geschützt als „zugeworfen“ werden mit Themen?
Je mehr Nein-Antworten Sie haben, desto eher bewegen Sie sich – aus meiner Sicht – im Bereich lokaler Optimierung: fleißige Teams, aber wenig Steuerung auf echte Wirkung.
Fazit: Agilität ist kein Teamthema – sondern eine Führungsaufgabe
Zusammengefasst (als persönliche Einschätzung):
- Agile Teams und moderne Methoden sind hilfreich, aber lösen kein Portfolio- und Führungsproblem.
- Wirkung entsteht dort, wo Führung:
- klare Ziele setzt,
- radikal priorisiert,
- parallel laufende Vorhaben begrenzt,
- Teams vor Überlastung und Featuritis schützt.
- Der Weg von „schneller“ zu „wirksamer“ beginnt nicht im Daily Standup, sondern im Geschäftsleitungs-Meeting.
Wenn Sie beim Lesen innerlich an Ihre eigene Projektliste, Ihre Meetings oder Ihren Kalender gedacht haben, dann wäre ein erster pragmatischer Schritt:
Holen Sie sich Ihre wichtigsten Menschen an einen Tisch, malen Sie Ihr aktuelles Portfolio an die Wand – und streichen Sie gemeinsam.
Der Rest ist Handwerk.
Quellen
- Meine Erfahrungen und Einschätzungen aus Beratungsmandaten im deutschen Mittelstand (klar als Meinung gekennzeichnet).
- Hintergrund zum Thema lokale Optimierung (externe Quelle):
https://www.lean-agility.de/2018/04/lokale-optimierung.html - Beispiel, wie lokale Optimierung am Kunden vorbeigehen kann (externe Quelle):
https://blog.it-agile.de/perfekt-optimiert-am-kunden-vorbei/ - Überblick zu Prinzipien lean-agiler Unternehmen (externe Quelle):
https://www.agile-academy.com/de/skalierung/sieben-prinzipien-erfolgreicher-lean-agiler-unternehmen/
Möchten Sie das für Ihr Versicherungsunternehmen konkret durchspielen?
Mehr Kontext zu unserer Arbeit mit Versicherern finden Sie auf unserer Übersichtsseite Agile Coaching für Versicherer.
Erstgespräch vereinbaren